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Buchvorstellung – Michail A. Bakunin (1814-1876). Bibliographie der Primär- und Sekundärliteratur in deutscher Sprache

Wolfgang Eckhardt: Michail A. Bakunin (1814-1876). Bibliographie der Primär- und Sekundärliteratur in deutscher Sprache. Libertad Verlag, Berlin/Köln 1994.

Vorgestellt von: Wolfgang Eckhardt

Erschienen in: direkte aktion, Nr. 112, Sept./Okt. 1995.

 

Michail A. Bakunin (1814-1876). Bibliographie der Primär- und Sekundärliteratur in deutscher Sprache

 

»Den Pfiff des Feuers hören« – ein Streifzug durch die Bakunin-Literatur

Vorstellung einer neuerschienenen Bakunin-Bibliographie

Eine Bibliographie ist eine Auflistung von Veröffentlichungen zu einem bestimmten Thema. Eine Bakunin-Bibliographie wie die vorliegende (Libertad-Verlag, Berlin/Köln 1994) ist also nichts anderes als eine Art Kursbuch für die Bakunin-Literatur, eine Orientierungshilfe und Fundgrube für eine Vielzahl von Veröffentlichungen. Dabei wurden folgende drei Gruppen unterschieden:

  1. Veröffentlichungen von Bakunins eigenen Schriften (Primärliteratur).
  2. Publikationen über Bakunin (Sekundärliteratur).
  3. literarische Bearbeitungen (Gedichte, Theaterstücke, Romane usw. über Bakunin).

Zu der in der Bibliographie nachgewiesenen Literatur gäbe es viel zu sagen; die erste Gruppe der Veröffentlichungen (die Primärliteratur) wird jedoch in der Einleitung der Bibliographie (S. 7-23) bereits ausführlich behandelt, daher möchte ich hier die zweite Gruppe vorstellen: die Publikationen über Bakunin.

Michael Bakunin (1814-1876) hat als bekannter Revolutionär, anarchistischer Theoretiker und Mitbegründer des antiautoritären Sozialismus zu einer großen Menge von Darstellungen Anlaß gegeben. In der Bibliographie sind 269 solcher Veröffentlichungen der Sekundärliteratur in deutscher Sprache nachgewiesen. Es gibt viele Wege, sich dieser Masse von Artikeln, Büchern, Broschüren, Schmähschriften, wissenschaftlichen Abhandlungen usw. über Bakunin zu nähern. Eine Möglichkeit wäre z.B., nach prominenten Namen zu suchen: Dabei wäre festzustellen, daß sich u.a. Richard Wagner, Theodor Heuss, Robert Michels, Herbert Wehner (mit seinem Artikel »Bakunin führt zum Sieg!«, S. 76 der Bibliographie), Hugo Ball und Ernst Bloch über Bakunin geäußert haben. Im Jahre 1948 hat sich sogar ein Jesuit mit Bakunin kritisch auseinandergesetzt (S. 82).

Ich möchte jedoch auf eine andere Art die in der Bibliographie angeführte Literatur über Bakunin vorstellen und zwar im Hinblick auf drei Aspekte, die vielleicht repräsentativ sind für die Bandbreite der hier dokumentierten Veröffentlichungen:

Wie haben sich Marx und Engels und Marxisten bis in unsere Tage über Bakunin geäußert?

Wie haben die deutschen revolutionären Demokraten des 19. Jahrhunderts Bakunins Aktivitäten in der Revolution von 1848/49 eingeschätzt?

Wie hat sich Max Nettlau mit Bakunin beschäftigt?

Marx über Bakunin

überraschenderweise ist ein großer Teil der Veröffentlichungen der Kategorie der polemischen Literatur zuzurechnen: Es finden sich viele scharfe Kritiken, Schmähungen und Verleumdungen, etwa die, Bakunin sei ein russischer Regierungsspion. Ursprünglich scheinen die russischen Auslandsbotschaften diese Verleumdung über Bakunin, den »allerungehorsamsten Untertanen« des Zaren, in Umlauf gebracht zu haben. An der Verbreitung des Gerüchts war aber auch Karl Marx nicht unbeteiligt.

Tatsächlich ist der allererste Eintrag im Abschnitt Sekundärliteratur der Bibliographie eine solche Verleumdung von Marx: Am 6. Juli 1848 erscheint in der von ihm redigierten Neuen Rheinischen Zeitung eine Meldung, in der es u.a. heißt:

»In Bezug auf die Slawen-Propaganda, versicherte man uns gestern, sei George Sand in den Besitz von Papieren gelangt, welche den von hier verbannten Russen M. Bakunin stark kompromittierten, indem sie ihn als ein Werkzeug oder in jüngster Zeit gewonnenen Agenten Rußlands darstellen.«

Die französische Schriftstellerin George Sand, die Bakunin in Paris kennengelernt hatte, wußte aber gar nichts davon. Als Bakunin ihr diese Zeitungsnotiz übermittelte, antwortete sie mit einer entschiedenen Gegendarstellung.

Seit dieser Affäre haben Marx und Engels Bakunin nicht wieder offen als Spion bezeichnet, dafür aber z.B. als einen »höchst gefährlichen Intriganten«,1 als »Vieh« oder »diesen verdammten Moskowiter«.2 »Er soll sich in Acht nehmen«, kündigt Marx mit Bezug auf Bakunin und die Erste Internationale im Jahre 1869 Engels an. »Sonst wird er offiziell exkommuniziert«.3 Den Gipfel erreicht die Kampagne gegen Bakunin mit der sogenannten Allianz-Broschüre, einer von Marx, Engels und Paul Lafargue verfaßten Kampfschrift gegen Bakunin, deren deutsche Ausgabe unter dem Titel »Ein Komplott gegen die Internationale Arbeiterassoziation« erschienen ist. Vorangegangen war dieser Schrift bereits Marx’ »Konfidentielle Mitteilung«, in der er Bakunin grotesk zu diffamieren versuchte. Arthur Lehning hat sich einmal den Spaß gemacht, eine längere Textpassage daraus zu publizieren mit dem Kommentar, dieser Abschnitt enthalte »auch nicht eine einzige richtig wiedergegebene Tatsache«.4 Noch heute verblüfft der wahrhaft »unwissenschaftliche« Stil dieser Arbeiten, mit denen Marx und Engels ihre erbitterte Polemik gegen Bakunin führen – zu einem Zeitpunkt, an dem sich die historische Differenz zwischen Marxismus und Anarchismus abzeichnet und eine inhaltlich bestimmte Auseinandersetzung wichtig gewesen wäre. Es scheint vielleicht nicht übertrieben, in den theoretischen Vernichtungsfeldzügen von Marx und Engels gegen andere sozialistische Strömungen ihrer Zeit eine Vorwegnahme des späteren marxistischen Umgangs mit Andersdenkenden zu sehen.

Bakunin war sich dagegen nie zu schade, in seiner Darstellung des Konflikts auch die Verdienste von Marx anzuerkennen. In einem Brief an einen Bekannten in Italien hat Bakunin beispielsweise den Hintergrund des Konfliktes mit Marx und Engels aus seiner Sicht so zu erklären versucht:

»Diese Ehrenwerten betrachten mich als Feind und mißhandeln mich als einen solchen überall, und wann sie nur können ... es gibt mir im Gegenteil lebhafte Genugtuung, wenn ich ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen kann ... Marx ist der erste ökonomische und sozialistische Gelehrte unserer Zeit. Ich bin in meinem Leben mit vielen Gelehrten zusammengekommen, aber ich kenne keinen ebenso gelehrten und tiefen wie ihn ... Er will, was wir wollen: den vollständigen Triumph der ökonomischen und sozialen Gleichheit, aber im Staate und durch die Staatsmacht, durch die Diktatur einer sehr starken ... Regierung, das heißt durch die Negation der Freiheit ... Wir wollen den Wiederaufbau der Gesellschaft und die Konstituierung der Einheit der Menschheit nicht von oben nach unten, durch irgendwelche Autorität und durch sozialistische Beamte ... – sondern von unten nach oben, durch die freie Föderation der von dem Joch des Staates befreiten Arbeiterassoziationen aller Art. Sie sehen, daß zwei Theorien schwer einander entgegengesetzter sein können.«5

Einen solchen Versuch einer nüchternen Analyse des Konfliktes gibt es in den Arbeiten von Marx und Engels leider nur sehr selten. Es überwiegen diffamierende Streitschriften. Und was Marx und Engels recht war, kann späteren Marxisten natürlich nur billig sein: Die marxistische Bakunin-Kritik hat überwiegend sehr geringes Niveau. Das Spektrum dieser Arbeiten im Schlepptau von Marx und Engels reicht von den Veröffentlichungen ihrer Anhänger in Deutschland, z.B. Sigismund Borkheim (1869) und Carl Hirsch (1872), bis hin zu den aktuellen Publikationen von Bruno Frei (1971), Hans Adamo (1976), Hella Hertzfeldt (1983) und anderen.

Daß aber von marxistischer Seite insgesamt nicht nur unterstes Niveau geboten wird, beweisen z.B. die ebenfalls in der Bibliographie aufgeführten Bakunin-Veröffentlichungen von Eduard Bernstein und Franz Mehring, die erstmals eine unvoreingenommene Stellungnahme zu Bakunin versuchen. So schreibt Mehring in einem Artikel für die Zeitschrift Aktion am 30. Juni 1917:

»Zunächst muß die leider von Marx selbst genährte Vorstellung zurückgewiesen werden, als sei Bakunin ein ›sehr gefährlicher Intrigant‹ gewesen, der sich aus persönlicher Eitelkeit und Herrschsucht in die Internationale gedrängt habe, um sie zu beherrschen und eben dadurch zu zerrütten. Bakunin war alles andere eher als ein ›Intrigant‹ ... Nicht an Bakunins Intrigen ist die erste Internationale untergegangen, sondern an geschichtlichen Gegensätzen, die in dem europäischen Proletariat selbst entstanden waren und sich zunächst nicht ausgleichen ließen. Man mag es Bakunins Schuld nennen, daß er dabei die unentwickeltere Form des proletarischen Emanzipationskampfes vertrat, aber es ist keine Schuld im moralischen Sinn des Worts, die seinen Ruhm schmälern könnte ...«

Welche Konzeption in der Internationale nun die »entwickeltere« oder die »unentwickeltere« gewesen ist, die autonomistische Bakunins oder die zentralistische von Marx, würden wir heute wahrscheinlich anders beurteilen als Mehring damals. Während er an seiner marxistischen Position festhält und den Konflikt zwischen Marx und Bakunin in der Ersten Internationale eben in seinem Sinne interpretiert, ist es für Mehring aber gleichzeitig Ehrensache, daß er zunächst eine sachliche Klärung herbeizuführen sucht. So gehören seine Stellungnahmen zu Bakunin im Rahmen der Bibliographie zu den wenigen sachlich gehaltenen kritischen Arbeiten.

Die revolutionären Demokraten von 1848

In den beiden Revolutionsjahren 1848/49, in denen sich Bakunin überwiegend in Deutschland aufhielt, setzte er sich mit großer Energie dafür ein, die revolutionäre Bewegung in Deutschland mit den Bewegungen der Demokraten anderer Länder zu verbinden, namentlich mit den polnischen, tschechischen und ungarischen Revolutionsbewegungen. Nur in einem internationalen Bündnis – so war Bakunins Meinung – habe die revolutionäre Demokratie überhaupt eine Chance. So klar diese überlegung heute erscheint, stieß Bakunin dennoch bei einzelnen seiner Zeitgenossen damit auf schärfsten Widerspruch. Zu den Demokraten, die Bakunins internationalistische Position ablehnten, gehörte auch Friedrich Engels, der seine Ablehnung in der Rezension einer Broschüre begründete, die Bakunin unter dem Titel »Aufruf an die Slawen« veröffentlicht hatte. Bakunin hatte in seinem »Aufruf« die Slawen aufgefordert, sich nicht von nationalistischen Vorurteilen vereinnahmen zu lassen, die damals in ganz Europa hoch im Kurs waren. Die Slawen sollten stattdessen versuchen, auf der Grundlage der Freiheit mit den deutschen Demokraten zusammenzuarbeiten und ein revolutionäres Bündnis mit ihnen herzustellen. Wörtlich sagte Bakunin:

»Pflicht ist es für uns alle, für alle Streiter der Revolution, für alle Demokraten aller Länder, daß wir unsere Kräfte vereinigen, daß wir sorgen uns untereinander zu verständigen und uns eng zusammenscharen, damit wir verbunden die Feinde unserer gemeinsamen Freiheit bekämpfen und besiegen können.«6

Engels dachte aber gar nicht daran, die ihm und überhaupt allen deutschen Demokraten gebotene Hand zu ergreifen. In seiner Rezension des »Aufrufs an die Slawen« wies er Bakunins Internationalismus zurück und schrieb weit ausholend zur Begründung:

»Jetzt aber ist die politische Zentralisation infolge der gewaltigen Fortschritte der Industrie, des Handels, der Kommunikation noch ein viel dringenderes Bedürfnis geworden ... Was sich noch zu zentralisieren hat, zentralisiert sich. Und jetzt kommen die Panslawisten (nach Engels: Bakunin) und verlangen, wir sollen diese halbgermanisierten Slawen ›frei lassen‹ ... !«7

Das hatte Bakunin allerdings verlangt: Gleiche Freiheit für Deutsche und Slawen. Damit kann Engels nichts anfangen, da seiner Meinung nach die Slawen auf einer niedrigeren Zivilisationsstufe stehen:

»Die Deutschen haben im Norden das ehemals deutsche, später slawische Gebiet von der Elbe bis zur Warthe den Slawen wiederaberobert; eine Eroberung, die durch ›geographische und strategische Notwendigkeiten‹ bedingt war ... Daß diese Eroberung aber im Interesse der Zivilisation lag, ist bisher noch nie bestritten worden.«8

Zur Begründung seiner Anschauungen zieht Engels den Krieg der USA gegen Mexiko (1846-48) als Beispiel heran, den er mit den Worten billigt:

»Wird Bakunin den Amerikanern einen ›Eroberungskrieg‹ zum Vorwurf machen, der zwar seiner auf die ›Gerechtigkeit und Menschlichkeit‹ gestützten Theorie einen argen Stoß gibt, der aber doch einzig und allein im Interesse der Zivilisation geführt wurde? Oder ist es ein Unglück, daß das herrliche Kalifornien den faulen Mexikanern entrissen ist, die nichts damit zu machen wußten? ... Die ›Unabhängigkeit‹ einiger spanischen Kalifornier und Texaner mag darunter leiden, die ›Gerechtigkeit‹ und andere moralische Grundsätze mögen hier und da verletzt sein; aber was gilt das gegen solche weltgeschichtlichen Tatsachen?«9

Diese Ausfälle von Engels sind derart scheußlich, daß sogar die Herausgeber der »Marx-Engels-Werke«, sonst nicht gerade zimperlich bei der Verteidigung der beiden, sich davon im Vorwort distanzieren.

Andere Mitglieder der Demokratiebewegung von 1848 haben dagegen Bakunins Engagement für die Verknüpfung der deutschen und slawischen Revolution und seine internationalistische Position wärmstens begrüßt. So heißt es in einer zeitgenössischen Stellungnahme aus der Augsburger Allgemeinen Zeitung vom 31. Mai 1849 anerkennend:

»Die slawische Bewegung blieb jedenfalls das ... eigentlich verbindende Element in Bakunins Revolutionssystem ... Wenn es wirklich gelungen war, dies Element in eine mehr oder minder organisierte Verbindung mit den übrigen revolutionären Strömungen Europas zu bringen, so würde dies vornehmlich den ungeheuren Anstrengungen Bakunins ... zuzuschreiben sein. Er entging dabei gleichwohl den Verdächtigungen nicht, von manchen für einen Spion und geheimen Agenten Rußlands ausgegeben zu werden. Doch genoß er bei (seinen eigentlich Verbündeten) das unbedingteste Vertrauen ... wir sehen Bakunin seitdem zu einer eigentümlichen Zentralgestalt der revolutionären Bewegung werden, indem sich an ihn die verschiedensten nationalen Revolutionsstoffe anhängten, die er sorgfältig knetete, um sie zur rechten Zeit zu einer einheitlichen Weltflamme anzublasen.«

Auch Gustav Struve, 1848 ein Revolutionär der ersten Stunde, behielt Bakunins Engagement in positiver Erinnerung. Struve vertrat offen sozialrevolutionäre Ideen und hatte im September 1848 an der Spitze bewaffneter radikal-demokratischer Gruppen am Badischen Aufstand teilgenommen. In einem im Jahre 1867 veröffentlichten Buch widmete er Bakunin ein Kapitel, in dem er dessen Ideen im Rückblick sogar für fortgeschrittener als die seiner Umwelt erklärt. Sein Resümee:

»Die Zeit war noch nicht auf der Höhe, auf welcher Bakunin stand, angelangt.«10

Max Nettlau über Bakunin

Noch 60 Jahre später schien sich an der Gültigkeit dieser Aussage wenig geändert zu haben, denn in einer Broschüre zu Bakunins 50. Todestag im Jahre 1926 stellte der anarchistische Historiker Max Nettlau fest:

»Manche mögen glauben, daß Bakunin überwunden ist ... – andere aber denken, daß man Bakunin noch gar nicht erreicht hat, daß man vieles unendlich Nützliche, das er aussprach, noch gar nicht voll und ganz ins Auge gefaßt hat.«11

Nettlau hat im Laufe seines Lebens eine große Anzahl ausgezeichneter Veröffentlichungen über Bakunin vorgelegt und insgesamt für die Sekundärliteratur neue Maßstäbe gesetzt. Einige seiner Studien über Bakunin markieren bis heute den letzten Stand der Forschung, z.B. seine Arbeiten zum Einfluß Bakunins auf die russische, spanische und italienische revolutionäre Bewegung seiner Zeit, die im Grünberg-Archiv in den Jahren 1912, 1914 und 1915 veröffentlicht wurden. Aus diesen Untersuchungen geht hervor, daß die revolutionären Bewegungen in Spanien, Italien und Rußland in großem Umfang auf Bakunins Initiative zurückgehen. Der Parteigeist sozialdemokratischer und kommunistischer Gruppierungen wurde erst nach einigen Jahrzehnten – in Rußland mehr, in Spanien weniger - tonangebend.

Nettlau war zweifellos der beste Bakunin-Kenner seiner Zeit, dennoch fühlte er sich nicht als rückwärtsgewandter Historiker und weltfremder Bücherwurm. Seiner Meinung nach kann vielmehr gerade die Beschäftigung mit der Geschichte den Menschen große Bereicherung und Inspiration bieten sowie die Möglichkeit, sich auch in der Gegenwart besser zurechtzufinden. Seine eigene Aufgabe sah er darin, allen Interessierten das Rüstzeug zur Verfügung zu stellen, das sie für eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, aber auch mit der Gegenwart gebrauchen könnten.

Diese Auffassung brachte ihn in scharfen Gegensatz zur sowjetischen Geschichtsschreibung, die bereits in den 20er Jahren dazu überging, als Fortsetzung des Parteiapparates für eine historische Untermauerung des kommunistischen Herrschaftssystems zu sorgen. – Bekanntlich wurde aber in der Sowjetunion nicht nur die Geschichte zwangsweise auf Parteilinie gebracht: Bereits in den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution 1917 richtete sich eine beispiellosen Terrorwelle gegen Anarchisten/-innen und Sozialrevolutionäre, deren ersten Höhepunkt das Massaker an den sozialrevolutionären Kronstädter Matrosen im Jahre 1921 markiert.

Als Nettlau 1923 vom Staatsverlag der Sowjetunion angeboten wurde, an einer neuen russischen Ausgabe von Bakunins Werken mitzuarbeiten, antwortete er daher ohne zu zögern:

»Ich liebe Bakunin, aber mehr noch liebe ich meine jetzt lebenden Genossen, die Freiheit und Solidarität und ich werde niemals etwas mit ihren Henkern zu tun haben.«12

Damit machte er deutlich, daß auch die Beschäftigung mit Bakunin nur vordergründig eine rein historische Sache sei. Tatsächlich hielt er sie für eng verknüpft mit den aktuellen politischen Auseinandersetzungen seiner Zeit.

Und auch heute noch lassen sich bei Bakunin durchaus eine Menge aktuelle Ideen finden: So hat er mit unvergleichlicher Intensität dem emanzipatorischen Gehalt des Anarchismus Ausdruck gegeben, der radikalen Empörung gegen jede Entmündigung des Menschen. Prophetisch wies er auf die Gefahr einer autoritären Verfälschung des Sozialismus als Staatsideologie hin und setzte stattdessen auf eine Revolte des Lebens gegen jede Einschränkung und Bevormundung und auf einen revolutionären Aufbruch von unten, der zu neuen freiheitlichen Formen der gesellschaftlichen Organisation führen müsse.

Was Nettlau betrifft, so gehörte er jedoch nur zu den ganz wenigen Anarchisten, die sich wissenschaftlich mit Bakunin auseinandergesetzt haben. Auf ihre Art haben sich aber Libertäre aller Richtungen auf Bakunin bezogen. Entgegen ihrer sonstigen Differenzen schätzten ihn z.B. so unterschiedliche Personen wie der Anarcho-Individualist Benjamin Tucker und etwa Peter Kropotkin, ebenso Emma Goldmann, Gustav Landauer, Erich Mühsam und sogar der gewaltfreie Anarchist Ferdinand Domela-Niewenhuis. Bakunins Ideen gehören in diesem Sinne strömungsübergreifend dem gesamten herrschaftslosen Sozialismus an, sie bilden sozusagen das Urgestein antiautoritären Gedankengutes.

Allen daran Interessierten möchte die Bibliographie eine umfassende Orientierungshilfe geben, denn, wie schon Nettlau gefordert hatte:

»Möge ein eingehendes Studium dieser Fragen endlich beginnen; besonders die deutschen Arbeiter, denen der Marxismus Bakunin solange im gehässigst falschen Licht gezeigt hat, haben zu seinen Ideen noch nicht hinreichend Stellung genommen.«13

Neue Werkausgabe

Dazu wird übrigens bald in umfassender Form Gelegenheit sein: Unter dem Titel »Ausgewählte Schriften« wird der Karin Kramer Verlag Berlin eine neue zwölfbändige Bakunin-Werkauswahl verlegen. Band 1 ist gerade erschienen: Gott und der Staat. Mit einer Einleitung von Paul Avrich, umfangreichem Anmerkungsapparat und einem Anhang mit Dokumenten zur Editionsgeschichte (Karin Kramer Verlag, Berlin 1995). Noch 1995 werden Band 2 und 3 der »Ausgewählten Schriften« erscheinen – der Editionsplan kann allerdings insgesamt nur verwirklicht werden, wenn die Finanzierung der Reihe gesichert ist. Der Verlag bittet daher dringend um Vorbestellungen!

Für eine Neuedition der Schriften Bakunins sprechen viele Gründe – den besten nannte jedoch der russische Schriftsteller Alexander Block:

»Der Name ›Bakunin‹ ist ein nicht erlöschender, vielleicht auch ein noch gar nicht entflammter Scheiterhaufen. Leidenschaftliche Streite sind rund um dieses Feuer ... .« »Die Beamten spucken und krümmen sich, wir aber lesen Bakunin und hören den Pfiff des Feuers.«14

 

1 Marx/Engels: Werke. Band 16, S. 420.

2 Marx/Engels: Werke. Band 32, S. 437, 677.

3 Marx/Engels: Werke. Band 32, S. 351

4 Arthur Lehning (Hrsg.): Unterhaltungen mit Bakunin. Nördlingen 1987, S. 264.

5 Bakunin: Gesammelte Werke. Band 3, S. 186-188.

6 Bakunin: Aufruf an die Slaven. Koethen 1848, S. 6.

7 Marx/Engels: Werke. Band 6, S. 279.

8 Marx/Engels: Werke. Band 6, S. 277-278.

9 Marx/Engels: Werke. Band 6, S. 273-274.

10 Gustav Struve und Gustav Rasch: Zwölf Streiter der Revolution. Berlin 1867, S. 178.

11 Max Nettlau (Hrsg.): Unser Bakunin. Berlin 1926, S. 10.

12 Zitiert nach Arthur Lehning: Michail Bakunin und die Geschichtsschreibung. In: Bakunins Sozialpolitischer Briefwechsel mit Alexander Iw. Herzen und Ogarjow. Berlin 1977, S. 22.

13 Max Nettlau (Hrsg.): Unser Bakunin. Berlin 1926, S. 10.

14 Alexander Block: Ausgewählte Werke. Band 2, S. 340.

 

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