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Rezension – Madeleine Grawitz: Bakunin. Ein Leben für die Freiheit

Madeleine Grawitz: Bakunin. Ein Leben für die Freiheit. Aus dem Französischen von Andreas Löhrer. Edition Nautilus, Verlag Lutz Schulenburg, Hamburg 1999. 556 S. und 32 unnumerierte S. mit Abb. ISBN 3-89771-903-7

Rezensent: Wolfgang Eckhardt

Erschienen in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (IWK), Berlin, 36. Jg., Heft 1/2000.


Michail Aleksandrovič Bakunin (1814-1876). Eine moderne Biographie?


Bakunin-Biographien neueren Datums sind im Deutschen rar. Seit den 70er Jahren wurden zwar einige bereits in der Weimarer Republik erschienene Lebensbeschreibungen nachgedruckt; die einzige neu verfaßte Arbeit stellte jedoch bis heute die als Rowohlt-Bildmonographie erschienene Kurzübersicht von Justus Franz Wittkop dar.1 Die groß angelegte, 1990 in Paris erschienene Bakunin-Biographie von Madeleine Grawitz,2 die jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt, hätte hier eine wichtige Lücke schließen können – diese im Buchmarkt sich selten genug bietende Chance wurde jedoch nur unvollkommen genutzt: Verschiedene positive Aspekte des Buches kontrastieren mit drastischen Mißgriffen.

I.

Es gibt bis heute drei wesentliche Standard-Biographien Bakunins: Den Anfang machte Max Nettlau (1865-1944), der beste Bakunin-Kenner seiner Zeit, der noch viele ehemalige Freunde und Mitarbeiter Bakunins persönlich befragt hat und dem die Sammlung und Sicherung einer großen Materialmenge von und über Bakunin zu danken ist. Die Ergebnisse seiner bis heute vielfach grundlegenden Forschungen legte er in den Jahren 1896-1900 in einem nur mühsam lesbaren Manuskript-Monster von 1292 großformatigen Seiten nieder, das mangels Verleger in einer Auflage von 50 Exemplaren vom Autor selbst durch Autokopie vervielfältigt wurde und heute nur in einer Handvoll Bibliotheken zu finden ist.3 Ganz im Gegensatz zu diesem Werk des Anarchismus-Forschers Nettlau stand die vierbändige Bakunin-Biographie des bolschewistischen Historikers Jurij Michaijlovič Steklov (1873-1941), die in den Jahren 1926/27 erschien.4 Seine neues Material enthaltende, aber unfreundliche und marxistisch fixierte Lebensbeschreibung kann nur im Zusammenhang mit der sowjetischen Bakuninforschung der beiden nachrevolutionären Jahrzehnte verstanden werden, die sich, als Dienerin zweier Herren, sowohl an der Rekonstruktion der Geschichte der russischen revolutionären Bewegung als auch an der Konstruktion einer gradlinigen Parteigeschichte abzuarbeiten hatte. Eine Neubewertung und zugleich eine Synthese aus den Arbeiten Nettlaus und Steklovs unter Berücksichtigung des in der Zwischenzeit erschienenen Materials versuchte schließlich der englische Historiker und Politologe Edward Hallett Carr (1892-1982). Seine Bakunin-Biographie, erschienen im Jahr 1937, mag an vielen Stellen an dem zwanghaft amüsanten Tonfall und seiner Freude an spektakulären Details kranken.5 Sie stellt jedoch bis heute den unkompliziertesten Zugang zu Bakunins Lebensweg dar, von dem aus alle Interessierten dank Carrs durchgehenden Quellennachweisen selbständig weiterrecherchieren können.

Die Bakunin-Biographie von Madeleine Grawitz steht durchaus in der Nachfolge von Carrs Buch: Beim Vergleich beider Bücher erweist es sich schnell, daß Grawitz’ Darstellung in Anlage und Abfolge der einzelnen biographischen Informationen weitgehend (ganz besonders in der Schilderung der ersten Hälfte von Bakunins Leben bis 1861) an die Biographie von Carr angelehnt ist – wobei Grawitz jedoch diese Quelle ihrer Darstellung fast ausnahmslos verschweigt.

Schlimmer als das Abschreiben von Carr sind jedoch die zum Teil verhängnisvollen Abschreibefehler. In einer Passage, die praktisch eine Nacherzählung Carrs darstellt, findet sich plötzlich folgender Lapsus: Carr hatte noch korrekt über Bakunins ›Aufruf an die Slaven‹ geschrieben: »Some half-dozen drafts or fragments of drafts were found among his papers on his arrest six months later«,6 bei Grawitz heißt es dagegen über den ›Aufruf‹: »Bei einer Durchsuchung fand man in seinem Papierkorb zahlreiche Entwürfe« (S. 137, im französischen Original S. 155). Was für eine Durchsuchung? Was für ein Papierkorb?

Eine weitere schlecht verdaute Information entnahm Grawitz der Biographie von Carr: Bakunin habe, schrieb Grawitz in einer sichtlich von Carr abgeschriebenen Fußnote, »eine kleine erotische Novelle« verfaßt, »in der ein junger Mann auf Veranlassung ihres Vaters drei junge Mädchen vergewaltigt« (S. 26, frz. S. 28). Bei Carr stand jedoch lediglich: »its theme was the deflowering by the hero of three virgins at the instigation of their father.«7 In Wirklichkeit schildert dieses unpublizierte Novellenfragment, das sich heute im »Rossijskij gosudarstvennyj archiv social’no-političeskoj istorii« in Moskau befindet,8 eine mit mäßiger erotischer Spannung unterlegte Unterhaltung zwischen einem Mann und drei jungen Frauen; der Text enthält in der Tat keinerlei Gewaltphantasien, schon gar keine Vergewaltigung.

Als schlecht recherchiert erweist sich auch der Hinweis auf den Fundort der Bakunins sächsische Festungshaft betreffenden Archivalien, die sich nach Grawitz teils »im Kriegsministerium in Prag« (S. 158, frz. S. 178), teils im »Dresdner Staatsarchiv« (S. 160, frz. S. 181) befinden. Richtig ist, daß sie sich zur Zeit von Carr dort befunden haben. Während die Prager Archivalien seit dem Zweiten Weltkrieg als verschollen gelten, wurden die Dresdner Bakunin-Akten nach Moskau abtransportiert, wo sie noch heute liegen.

Problematisch ist ferner, daß sich die Autorin durch ihre offenkundigen Anleihen bei der 1937 erschienenen Biographie Carrs meist vom eigenen Quellenstudium und von der Berücksichtigung modernerer Arbeiten hat abhalten lassen: »Neuere« Forschungsergebnisse über Bakunin – sagen wir aus den letzten 50 Jahren – zieht die Autorin nur ganz vereinzelt heran.9 Sie gibt sich vielmehr mit den seit langem bekannten großen Linien zufrieden und huscht über zahlreiche diffizile Details von Bakunins Biographie nur oberflächlich hinweg, so daß man nach konkreten Daten und Fakten in diesem Buch oft vergebens sucht. Was ist etwa von folgenden Sätzen zu halten:

»[...] Utin hatte nur einen Gedanken: sich der Égalité zu bemächtigen. Neues Ungeschick von Robin in dummen Streitigkeiten mit zwei Aktivisten führte zum Bruch. Robin, Perron und ihre Freunde erklärten unklugerweise ihren Rücktritt. Zu ihrer großen Überraschung wurde er angenommen« (S. 324-325, frz. S. 370). Bruch mit wem? Rücktritt wovon? Nur ein Kenner vermag hierin die sog. Égalité-Affäre wiederzuerkennen, zu deren genauem Ablauf und folgenschweren Konsequenzen in der Tat kein weiteres Wort fällt, noch nicht einmal, wann sich diese Ereignisse überhaupt abgespielt haben.10

Wenn Grawitz doch einmal konkrete Daten und Fakten nennt, sind sie nicht nachprüfbar, da sie nur ganz ausnahmsweise durch Quellennachweise belegt werden. Von den seltenen Quellennachweisen, die überraschend genannt werden, erweisen sich vier bei Nachprüfung als falsch.11 Auf Schlampigkeit deuten auch die zahllosen Falschschreibungen von Eigennamen: Skurjewski heißt es da statt richtig Skórzewski, Glika statt Ghika, Negresco statt Negrescul, L’Éveil statt Le Réveil, Waerky statt Wæhry, Brousset (offenbar zusammengeworfen mit Brousse) statt Brosset usw.

Bedauerlich ist auch, daß eine eingehende Analyse von Bakunins Ideen (seiner Revolutionstheorie, seiner »Anti-Politik« usw.) oder wenigstens seiner wichtigsten Werke unterbleibt – eigentlich ein Unding für eine moderne Bakunin-Biographie.

Schwer erträglich sind schließlich eine ganze Reihe von Fehlern im Detail. Hierzu nur zwei Beispiele:

Eine der ersten Irritationen zwischen Marx und Bakunin ergab sich durch eine Verwechslung zweier gleichnamiger russischer Emigranten im Paris des Vormärz, nämlich Jakov Nikolaevič Tolstoj, der von Pariser Emigrantenkreisen in den 1840er Jahren als Agent der zaristischen Dritten Abteilung angesehen wurde, und Grigorij Michajlovič Tolstoj, den Bakunin schon während seines ersten Aufenthalts in Dresden (1841) kennenlernte und später in Paris (1844 ff.) wiedertraf. »Dieser Tolstoy«, schrieb Engels in einem Brief vom 16. September 1846, »ist Niemand anders als unser Tolstoy, der Edle der uns vorlog, in Rußland seine Güter verkaufen zu wollen«, womit die Verwechslung der zwei Tolstojs perfekt wurde. Engels fuhr fort: »Selbst Bakunin [...] ist sehr verdächtig. Ich werde mir gegen ihn natürlich nichts merken lassen, sondern Revanche an den Russen nehmen.«12 Dieses Mißverständnis und seine weitreichenden Konsequenzen aufzuklären, wäre eigentlich eine wichtige Aufgabe für eine groß angelegte Bakunin-Biographie. Leider zeigt sich Madeleine Grawitz in das seit langem bekannte Geheimnis dieser Verwechslung nicht eingeweiht: »Schließlich sah man ihn [Bakunin] oft mit einem gewissen Jacobi [sic!] Tolstoi, der auf großem Fuß lebte und sich als Moskauer Agent erwies, vor dem sich der allzu vertrauensselige Bakunin nicht in Acht genommen hatte« (S. 116, frz. S. 131).

Ohne von den umfangreichen sowjetischen Publikationen über den Haager Kongreß 13 Notiz zu nehmen, stützt sich Grawitz in ihrer diesbezüglichen Schilderung allein auf Guillaumes Buch über die Erste Internationale 14 – keine schlechte Quelle, bloß ist sie eben beinahe 90 Jahre alt und muß durch eine Vielzahl neueren Materials ergänzt werden. Außer den bei Guillaume genannten Informationen weiß die Autorin jedenfalls nichts über den Hergang des Kongresses: Von den Mitgliedern der Allianz-Untersuchungskommission bezeichnet sie Theodor Friedrich Cuno als Italiener (in Wahrheit ein Deutscher, der nach dem Kongreß nach Amerika emigrierte) und Walter als Deutschen (S. 433, frz. S. 496), wahrscheinlich durch den Namen irregeführt. Eigentlich hätte sie wissen müssen, daß der Name Walter dem Pariser Delegierten L. Van Heddeghem als Pseudonym diente, der im Folgejahr als Polizeiagent enttarnt wurde – was ein interessantes Schlaglicht auf die Zusammensetzung dieses Anti-Bakunin-Tribunals wirft und in einer Schilderung der Manöver des Haager Kongresses nicht fehlen darf.

Eine »investigative« Biographie ist dieses Buch jedenfalls nicht zu nennen. Vielmehr ist das grandiose Mißverhältnis zu beklagen, daß hier ein mehr als 500 Seiten starkes Buch herausgebracht wurde, das nur eine Kompilation veralteter Forschungsergebnisse und obendrein eine ganze Reihe von kapitalen Mißgriffen enthält. Kein Vergleich etwa zur Durruti-Biographie von Abel Paz, die auch in der Edition Nautilus erschienen ist und aus dem Stand heraus zum Standardwerk avancierte.

Ein Kuriosum dieses Buches, das aus dem oben Beschriebenen herausfällt, ist noch zu erwähnen: Bei der Schilderung des Aufstands von Lyon (September 1870) bietet die Autorin urplötzlich, von einer Seite auf die andere, eine breite Quellenbasis aufgrund eigener Recherchen nebst Fußnoten und Quellennachweisen. Es drängt sich einem geradezu der Eindruck auf, als stammten die Kapitel über Lyon aus einer anderen Arbeit von Grawitz, die in völligem Kontrast zum übrigen Buch an dieser Stelle eingefügt wurden. Die epische Breite dieser Kapitel rechtfertigt die Autorin folgendermaßen: »Die Lyoner Episode in Bakunins Leben hat weniger Aufmerksamkeit erfahren als sein Kampf gegen Marx, dennoch war sie für ihn viel wichtiger als sein Ausschluß aus der Internationale« (S. 365, frz. S. 417-418) – eine überraschende Einschätzung, die trotz der ausufernden Darstellung der »Lyoner Episode« leider nicht weiter untermauert wird.

Mit dem Thema Lyon hängen auch zwei der drei neuen Fakten zusammen, die Grawitz über den bisher bekannten Forschungsstand hinaus recherchiert hat: Hierzu zählt die Aussage eines Lyoner Mitglieds der Internationale über die Autorschaft einer Bakunin zugeschriebenen Proklamation (S. 389, frz. S. 444) und ein bislang unbekanntes Schriftgutachten über Bakunin aus einem Archiv in Lyon (S. 464, frz. S. 533-534). Das dritte neue Faktum stellt ein Brief der Tochter Alexander Herzens, Natalie Herzen, an die Bakuninbiographin Hélène Iswolsky dar (S.313, frz. S. 356, bei Grawitz irrtümlich Irene Iswolski).

II.

Andreas Löhrer, der Übersetzer aus dem Französischen, hat gute Arbeit geleistet und den leicht zu lesenden und locker geschriebenen Text adäquat ins Deutsche übertragen. Mehr noch: Er hat sich bemüht, Zitate nach bereits bestehenden deutschen Übersetzungen oder bei deutschen Quellen nach dem deutschen Original wiederzugeben – auf diese Weise können wir zum Beispiel Wagners Erinnerungen an Bakunin im Originalwortlaut lesen und sind nicht mit einer doppelten Übersetzung konfrontiert. Angesichts Grawitz’ weitgehender Vermeidung von Quellennachweisen kann es nur als enorme Leistung bezeichnet werden, die Fundstellen verschiedenster Zitate in deutschen Ausgaben recherchiert zu haben.15 Eigentliche Übersetzungsfehler sind ebenfalls rar.16

Ebenso wie das französische Original verfügt die deutsche Ausgabe lobenswerterweise über einen Anhang mit chronologischem Abriß »über Bakunins Leben und wichtige historische Ereignisse seiner Zeit« sowie Biographien von »Personen, die in Bakunins Leben eine Rolle gespielt haben«. Hinzugekommen sind in der deutschen Ausgabe der Untertitel »Ein Leben für die Freiheit«, zusätzliche Abbildungen, ferner deutschsprachige Literaturhinweise und vor allem ein Personenregister, das in der französischen Originalausgabe noch fehlte.

III.

Wie unter I. bereits angedeutet, ist Recherche und Analyse die Sache von Madeleine Grawitz’ Bakunin-Biographie nicht. Dennoch ist diesem Buch im internationalen Vergleich verschiedenes zugute zu halten. In den im Laufe der letzten drei Jahrzehnte im englischsprachigen Bereich erschienenen Bakunin-Biographien war zum Beispiel bis vor kurzem noch ein äußerst abschätziger Grundstrom vorherrschend, der als »Bakunin-bashing« bezeichnet worden ist. Dieses »Bakunin-Prügeln« orientierte sich unter anderem an folgenden drei klassischen Fettnäpfchen, in die noch jeder krampfhaft um prinzipielle Distanz bemühter Bakunin-Biograph getreten ist. Diesen Publikationen zufolge ist Bakunin

  • ein Terrorist, der bisweilen »Gift, Dolch und Strick« gepredigt habe
  • ein Verräter, der in der ›Beichte‹ seinen Frieden mit dem Zaren gemacht habe
  • ein entweder homosexueller, inzestuöser oder impotenter Wüstling.

Es ist erfreulich, daß diese und manch andere feindseligen Thesen samt und sonders in Grawitz’ Biographie zurechtgerückt werden:

  • Grawitz verweist wiederholt auf die von Bakunin mit großer Kontinuität vorgetragene Überzeugung, daß sich »die Revolution, die ich plante, [...] mehr gegen Dinge als gegen Menschen richtete«; sie werde »mehr gegen Stellungen und Einrichtungen als gegen Menschen Krieg führen, in der Gewißheit, daß die Einrichtungen und die privilegierten und antisozialen Stellungen, welche sie schaffen, viel mächtiger sind als die Individuen und den Charakter und die Macht unserer Feinde ausmachen.«17 »Bakunin ist ein Revolutionär, kein Terrorist«, hält Grawitz zu diesem Thema fest (S. 143, frz. S. 163).
  • Eine sachentsprechende Zurückhaltung legt sich die Autorin bei der Beurteilung der »Beichte« an Zar Nikolaus II. auf, die Bakunin im russischen Kerker verfaßte. Die Diskussion dieses Dokuments, dessen Inhalt Bakunin später als »Dichtung und Wahrheit« bezeichnete,18 stellt Grawitz unter einen Vorbehalt: »Diejenigen, die nicht zu lebenslanger Haft verurteilt worden waren, sollten sich ihres Urteils enthalten. Man kann jedoch mit diesem Vorbehalt die Diskussionspunkte wieder aufgreifen« (S. 174, frz. S. 197), wie sie im Anschluß mit einer Reihe interessanter Erwägungen beweist.
  • Bakunins Sexualleben ist in aller Ausführlichkeit erst im 20. Jahrhundert ins Visier der Biographen gekommen und hat dabei die vielfältigsten Blüten getrieben. Grawitz widersteht der Versuchung, der so manche Biographen erlegen sind, das spekulative Feuer mit weiteren Mutmaßungen anzuheizen: Sie zählt die verschiedenen Theorien auf, die von Bakunins angeblicher Impotenz bis hin zum Ödipus-Komplex reichen, erklärt aber mit voller Berechtigung, daß »sowohl die Sprache der damaligen Zeit als auch Michails persönlicher überschwenglicher Ton« sowie die uneindeutige Quellenlage zu vorsichtigen Interpretationen zwinge (S.39, frz. S. 43).19

Eine besondere Kombination der oben genannten Vorwürfe an die Adresse Bakunins enthält die der modernen »psycho-history« verpflichtete Bakunin-Biographie von Arthur Mendel,20 dessen in großem Stil aufgezogene Psycho-Analyse Grawitz in ihrem Buch verschiedentlich anhand von Fakten widerlegt. Grawitz geht aber noch weiter: Statt beim Studium Bakunins den zahlreichen spektakulären Details seines Lebens zu verfallen, porträtiert Grawitz einen Bakunin, wie er von seinen Freunden und Bekannten erlebt wurde: als den liebenswürdigsten aller Revolutionäre, als charmante, eindrucksvolle Persönlichkeit, dessen unkompliziertes Wesen auf vielbeschriebene Weise die Menschen, mit denen er in Kontakt kam, für sich eingenommen hat. Mit einfachen Worten setzt sie dieser Figur an verschiedenen Stellen ihrer Biographie die heute bis ins Kleinste bekannten wutschnaubenden Attacken von Marx entgegen – auch dies ein Verdienst, gerade in der deutschen Ausgabe: In Deutschland verhindert noch so mancher in Ost und West, links und rechts bis in die Gegenwart hineinreichende alte Zopf, einer Figur wie Bakunin gerecht zu werden. Schließlich ist es sehr erfreulich, daß Bakunins Ehefrau Antonija, die sonst meist nur en passant erwähnt wird, in einem eigenen Kapitel aus dem Dunkel geholt wird.

Es gehört zur Tragik dieses Buches, daß dessen positive Aspekte durch die zahlreichen haarsträubenden Fehler wieder zunichte gemacht werden. So hinterläßt Grawitz’ Vorgehen, eher eine stimmungsvolle Annäherung an Bakunin (teilweise sogar mit romanhaften Passagen und fiktiven Dialogen) geschrieben zu haben als eine im einzelnen brauchbare Biographie, im Ganzen ein zwiespältiges Gefühl. Eine sympathische Lebensbeschreibung Bakunins im Ton von Grawitz gibt es bereits im Deutschen: Ricarda Huchs im Jahre 1923 ohne jeden wissenschaftlichen Ehrgeiz veröffentlichte Bakunin-Biographie.21 Dagegen fehlt im Deutschen bis heute eine umfangreiche, zuverlässig recherchierte und verfügbare Biographie.

Nach seiner ersten großen Bakunin-Biographie hat Max Nettlau übrigens in den Jahren 1924-1926 noch eine zweite geschrieben. Sie stellt im Unterschied zur ersten keine schwer lesbare Materialsammlung dar, sondern eine prägnante, kenntnisreiche und wohldokumentierte Lebensbeschreibung in vier Bänden. Das Manuskript ist in deutscher Sprache, druckfertig, im Besitz des Amsterdamer IISG.22 Wann findet sich ein Verlag, der es herausbringt?

Wolfgang Eckhardt

* * *

1 Justus Franz Wittkop: Michail A. Bakunin in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg 1974.

2 Madeleine Grawitz: Michel Bakounine. Paris 1990.

3 Max Nettlau: The Life of Michael Bakounine. Michael Bakunin. Eine Biographie. Privately printed (reproduced by the Autocopyist) by the author, London 1896-1900. Ein Reprint in 70 Exemplaren wurde 1971 bei Feltrinelli in Mailand verlegt.

4 Jurij M. Steklov: Michail Aleksandrovič Bakunin. Ego žizn i dejatel’nost’. 4 Bände. Moskau 1926 (Band 1, 2. verbesserte Auflage) und Moskau, Leningrad 1927 (Band 2-4).

5 Edward H. Carr: Michael Bakunin. London 1937.

6 Carr, a.a.O., S. 169.

7 Carr, a.a.O., S. 16.

8 Fond 192, opis’ 1, delo 76, Bl. 160-161.

9 Die wichtigsten Werke, die Grawitz außer der Bakunin-Biographie von Carr erkennbar benutzt hat, sind die von Kaminski, Confino und Jeanne-Marie, ferner die »Archives Bakounine« und die Sammelbände »Bakounine et les autres« sowie »Bakounine. Combats et débats«. Im Anhang nennt die Autorin zwar noch zahllose weitere Arbeiten, diese betreffen jedoch entweder Literatur zum historischen Umfeld Bakunins im 19. Jahrhundert (über die Revolution von 1848, über den Sozialismus in Italien usw.) oder sie sind derart fehlerhaft bibliographiert, daß bezweifelt werden darf, ob die Verfasserin sie überhaupt jemals zu Gesicht bekommen hat: Die einzige Auflage der drei Bände von Polonskijs Materialsammlung »Materialy dlja biografii M. Bakunina« erschienen 1923, 1928 und 1932 - bei Grawitz steht dagegen: »2. Auflage 1925« (S. 543, frz. S. 617). Der unten zitierte Prager Bakuninforscher Pfitzner heißt bei Grawitz Pfistner, Andrea Costa firmiert als A. Casto.

10 zur Égalité-Affäre siehe James Guillaume: L’Internationale. Documents et Souvenirs. 4 Bände. Paris 1905-1910, Band 1, S. 270-271 und 276-277; IWK, März 1999, S. 92-93.

11 Die Quellen werden dadurch nahezu unauffindbar: Beim Quellennachweis Deutsche Jahrbücher für Wissenschaft und Kunst ist die Seitenangabe falsch (S. 91, frz. S. 103), bei einem Nachweis in Guillaumes L’Internationale die Bandangabe (S. 409, frz. S. 468). Das zweite auf S. 365 (frz. S. 417) wiedergegebene Briefzitat entstammt nicht einem Brief Bakunins an Karl Vogt vom 7. September, sondern an Adolf Vogt vom 6. September 1870. Eine Quellenpublikation von Elena Kornilova ist nachgewiesen: »Katorga i Ssylka (1952), Nr.3« (S. 238, frz. S. 271) – tatsächlich bestand die Zeitschrift Katorga i Ssylka im Jahre 1952 bereits seit 18 Jahren nicht mehr (korrekt wäre: 1932, Nr. 3 [88], S. 116-127).

12 MEGA, III 2, S. 37.

13 Gaagskij kongress Pervogo Internacionala. 2-7 sentjabrja 1872 g. Protokoly i dokumenty, Moskau 1970. Otčety i pis’ma, Moskau 1972. Engl.: The Hague Congress of the First International. September 2-7, 1872. Minutes and Documents, Moskau 1976. Reports and Letters, Moskau 1978.

14 siehe Anm. 10.

15 Nur vier mal ist der Übersetzer nicht fündig geworden und hat deutsche Originalquellen aus Grawitz’ französischem Text ins Deutsche zurückübersetzt: Den deutschen Originalwortlaut müßte man entsprechend einfügen auf S. 79 (Adolf Reichel an Bakunin, Original in Josef Pfitzner: Bakuninstudien. Prag 1932, S. 228), auf S. 102 (Zitat aus Bakunins Artikel ›Der Kommunismus‹, Original in: Schweizerischer Republikaner, Nr. 44, 2. Juni 1843, S. 204), ferner auf S. 136 (Hermann Müller-Strübing an Bakunin, Original in Pfitzner, a.a.O., S. 92) und schließlich auf S. 445 (Johann Philipp Becker an Friedrich Sorge, Original in: Briefe und Auszüge aus Briefen von Joh. Phil. Becker, Jos. Dietzgen, Friedrich Engels, Karl Marx u.a. an F. A. Sorge und Andere. Stuttgart 1906, S. 123).

16 Dennoch auch hier ein paar Hinweise für eine evt. Neuauflage: Das französische Micha (sprich: Mischa, russisch: Miša) wurde stilistisch unangemessen ins Deutsche übertragen als »Micha« (z.B. S. 80 und 178). Auf S. 147 heißt es irrtümlich Exil statt Verbannung, auf S. 389 Konvention statt Konvent / Versammlung. Die als Carnets bezeichneten Tagebücher Bakunins wurden wörtlich übersetzt als Hefte (z.B. S. 158, 439, 509).

17 vgl. hierzu Michael Bakunin: Ausgewählte Schriften. Herausgegeben von Wolfgang Eckhardt. Band 2: »Barrikadenwetter« und »Revolutionshimmel«. Artikel in der ›Dresdner Zeitung‹. Berlin 1995, S. 160-161.

18 Michail Bakunins Sozial-politischer Briefwechsel mit Alexander Iw. Herzen und Ogarjow. Herausgegeben von Michail Dragomanow. Stuttgart 1895, S. 35.

19 Wenn sie mit den relevanten Quellen zu dieser Frage besser vertraut gewesen wäre, hätte sie sogar noch offensiver auftreten können: Am 16. Februar 1862 berichtete ein ehemaliger Mitverbannter Bakunins dessen Familie, daß Bakunin in Sibirien einen Sohn gezeugt habe (vgl. Elena Kornilova: Michail Aleksandrovič Bakunin v pis’mach ego rodnych i dryzej [1857-1875 g.g.]. Iz pisem semejnogo archiva Bakuninych. In: Katorga i Ssylka. Istoriko-revoljucionnyj vestnik, Buch 2 [63], 1930, S. 54-79, hier S. 68) – ein wenig beachtetes Zeugnis in der breitgetretenen Diskussion zur Frage von Bakunins Impotenz, das der seit langem geführten Debatte schon längst eine andere Richtung hätte weisen können.

20 Arthur P. Mendel: Michael Bakunin. Roots of Apocalypse. New York 1981.

21 Ricarda Huch: Michael Bakunin und die Anarchie. Leipzig 1923. – Zu deren Neuauflage im Jahre 1972 hieß es in der IWK vom Dezember 1973: »Der literarische Wert dieses Werkes kann hier nicht beurteilt werden, der Sozialwissenschaftler wird aber kaum neue Erkenntnisse gewinnen können.« (S. 138)

22 Collection Nettlau, Signatur: 525 und 526. Es wäre ratsam und ohne großen Aufwand realisierbar, in einem Anhang auf die neueren Forschungsergebnisse hinzuweisen.

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