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Rezension – Michael Bakunin: Ausgewählte Schriften. Band 1 und 2

Michael Bakunin: Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Wolfgang Eckhardt. Band 1: Gott und der Staat (1871). Einleitung Paul Avrich. Band 2: »Barrikadenwetter« und »Revolutionshimmel« (1849). Artikel in der ›Dresdner Zeitung‹. Einleitung Boris Nikolaevskij. Karin Kramer Verlag, Berlin 1995. Außerdem: Wolfgang Eckhardt: Michail A. Bakunin (1814-1876). Bibliographie der Primär- und Sekundärliteratur in deutscher Sprache. Libertad Verlag Berlin/Köln 1994.

Rezensent: Jochen Knoblauch

Erschienen in: direkte aktion, Nr. 118, November/Dezember 1996.

 

Band 1: Gott und der StaatBand 2: »Barrikadenwetter« und »Revolutionshimmel«

»Bakunin führt zum Sieg!«1

Die Bakunisten bei der Arbeit – Zum erstmaligen Erscheinen einer auf zwölf Bände angelegten Auswahl von Bakunin-Texten

Am 1. Juli 1996 jährt sich zum 120. Mal der Todestag von Michail Alexandrowitsch Bakunin, jenem bedeutenden russischen Revolutionär, von dem Walter Benjamin sagte: »Seit Bakunin hat es in Europa keinen radikalen Begriff von Freiheit mehr gegeben.« Dieser Satz hat bis heute seine Gültigkeit. Daß die Deutschen nicht gerade ein revolutionsfreudiges Völkchen sind, bewies nicht erst die »Wiedervereinigung« von West und Ost, welche einige als Revolution gefeiert haben, die aber doch eher ein warmer Abriß der DDR war. Der Staat ist und bleibt in Deutschland ein Heiligtum – und schon Hugo Ball wußte dagegen nur eine Abhilfe: »Deutsche Gesamtausgaben der Werke Bakunins und James Guillaumes würden die nützlichsten Dienste leisten.«

Daß es bis heute keine umfangreiche deutsche Werkausgabe der Bakunin’schen Schriften gegeben hat, spricht für sich – selbst wenn dies nur ein Problem der anarchistischen Bewegung gewesen wäre. In den Jahren 1921-1924 erschien eine dreibändige Auswahl im Berliner Verlag »Der Syndikalist«.2 Im internationalen Vergleich kann hier nur noch auf die Arbeit von Arthur Lehning verwiesen werden, der 1961 begann, die Archives Bakounine herauszugeben, ein Unternehmen, welches auf ca. 20 Bände angelegt war und 1981 bei Band 7 erstmal endete.3 Das Internationale Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam ist nun dabei, Bakunins Schriften zeitgemäß auf CD-ROM zu publizieren, da eine Weiterführung der Lehning’schen Ausgabe bisher nicht zustande gekommen ist. Sicher hat eine derartige CD ihre Vorteile, was z.B. den Vergleich von Übersetzungen betrifft, oder einem schnellen Zugriff auf Zitate, Begriffe, Personen etc. angeht, aber die Liebe zum Buch ist doch bei vielen auch heute noch größer.

Wolfgang Eckhardt, der bereits durch seine detaillierte Arbeit »Michael Bakunin (1814-1876) Bibliographie der Primär- und Sekundärliteratur in deutscher Sprache«4 auffiel, hat sich nun daran gemacht, eine Werkausgabe in 12 Bänden herauszugeben. Im Berliner Karin Kramer Verlag, der sich bereits über Jahrzehnte um die Schriften Bakunins und die Bakuninforschung verdient gemacht hat, sind inzwischen die ersten zwei Bände erschienen: Band 1: Gott und der Staat (mit einer Einleitung von Paul Avrich in deutscher Erstübersetzung, einem umfangreichen Anmerkungsapparat und Beiträgen zur Editionsgeschichte von Elisée Reclus und Max Nettlau). Band 2: »Barrikadenwetter« und »Revolutionshimmel« – Artikel in der ›Dresdner Zeitung‹ (mit einer Einleitung von Boris Nikolaevskij, zwei zeitgenössischen Artikeln über Bakunin von Ludwig Wittig und Karl D’Ester und Anmerkungen).

1996/97 sollen die Bände »Russische Zustände«, »Staatlichkeit und Anarchie« sowie »Die Berner Bären und der Bär von Petersburg« erscheinen.

Nun, im Laufe der letzten Jahrzehnte sind immer wieder diverse Schriften Bakunins reprintet worden, aber selten standen sie im Kontext der Bakuninforschung. Sie galten eher als Propagandaschriften und -broschüren, was ihren Wert keineswegs schmälern soll. Sie hinterlassen aber das Gefühl, daß es sich hier nur um Geldmacherei handelt, und das hat er nicht verdient.

Bakunin, als der wohl bekannteste Anarchist, war natürlich kein Theoretiker im Sinne eines Wissenschaftlers, eines Schreibtischhengstes. Wohl niemand hat derartig viele Revolutionen und Aufstände erlebt und/oder entfacht wie Bakunin, dessen umtriebigen Gelüste ihn selbst 60jährig nicht verließen. Es war weder seine Art noch hatte er dazu Zeit, einen wohlgeordneten Nachlaß uns zu übergeben. Es ist langsam unsere Pflicht, die Gedanken dieses ungestümen russischen Berserkers gründlicher zu edieren als es bisher geschehen ist. Die Worte der Freiheit, und von keinem wurden sie emphatischer und nachhaltiger formuliert, bedürfen einer Form, die ihm gerecht wird. Und sei es zu dem Zweck, den vorlauten Neomarxisten à la Peter Bierl und Konsorten, die heute wieder dabei sind, Geschichte zu fälschen, die Wahrheit um die Ohren zu hauen.5

»Bakunin wird an dem Tag wieder aktuell werden, an dem der Mensch anfangen wird, den bürgerlichen Despotismus und den proletarischen Despotismus unerträglich zu finden.« So schrieb Fritz Brupbacher in seiner biographischen Darstellung »Michael Bakunin – Der Satan der Revolte« (Zürich 1929). Und sollten die prophetischen Äußerungen vom Fritz eine reale Basis haben, dann wäre doch wohl heute die beste Zeit für Bakunin und seine Ideen.

Die von Wolfgang Eckhardt herausgegebene Bände zeichnen sich, im Gegensatz zu den mal eben hingeworfenen Reprints, durch einen ausgezeichneten Anmerkungsapparat aus, der die Texte in einen wissenschaftlichen Kontext setzt und tiefe Einblicke in die Geschichte und die umfangreiche internationale Bakuninforschung vermittelt.

Jochen Knoblauch

 

1 Mit dieser Überschrift titelte die »Revolutionäre Tat« aus Dresden in ihrer Nr. 2, Juli 1926. Den Leitartikel verfasste der junge Herbert Wehner vor seinem politischen Abstieg über die KPD in die Arbeiterverräter-Partei SPD.

2 Band 1 wurde mit einem Vorwort, Schlußwort und Anmerkungen von Erwin Rholfs besorgt. Die Bände 2 und 3 brachte Max Nettlau heraus. 1975 legte der Berliner Karin Kramer Verlag eine Reprintausgabe vor mit einem Vorwort von Hans-Jörg Viesel. 1978 folgte eine Reprintausgabe im Topos Verlag, Vaduz/Lichtenstein.

3 Die Bände erschienen in Zusammenarbeit mit dem IISG, Amsterdam bei E. J. Brill in Leiden und bei der Éditions Champ Libre in Paris.

4 Libertad Verlag, Berlin/Köln 1994.

5 So wird in der ÖkoLinx Nr. 17/1994, S. 44 behauptet: »Der Charakter Bakunins, der statt offen politisch zu kämpfen lieber Intrigen in der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) spann ... «, was die geschichtlichen Tatsachen im Verhältnis von Bakunin und Marx einfach umdreht.

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