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Rezension – Michael Bakunin: Russische Zustände

Michael Bakunin: Ausgewählte Schriften. Hrsg. von Wolfgang Eckhardt. Band 3: Russische Zustände (1849). Karin Kramer Verlag, Berlin 1996.

Rezensent: Thorsten Znih

Erschienen in: graswurzelrevolution, Nr. 224, Dez. 1997.

 

Michael Bakunin: Russische Zustände Band 3

Bakunins Blick auf Rußland

Buchbesprechung

Banal genug: Weder ein Heute noch ein Morgen ohne ein Gestern. Oder poetischer: Nur wer die Vergangenheit erkundet, kann bei Sonnenaufgang Feuer entzünden.

1849 erschien in Dresden eine Broschüre mit dem Titel Russische Zustände. Der anonyme Verfasser der Schrift war Michael Bakunin. 1929 schreibt Boris Nikolaevskij, dem das Verdienst zukommt, die Broschüre in ihrer historischen Brisanz wiederentdeckt zu haben, über Bakunins Motive, sich über Rußland äußern zu wollen: »Schon Anfang 1843 in der Schweiz stand er kurz davor, mit dieser Arbeit anzufangen. In den Jahren 1848-1849 mußte ihm dieses Thema aber besonders dringlich scheinen, nachdem er mit seiner Pariser Rede vom 29. November 1847 und besonders mit seinem Aufruf an die Slaven im Dezember 1848 vor das revolutionäre Europa getreten war und auf die Möglichkeit einer Revolution in Rußland hingewiesen hatte.« Wie bedeutsam Bakunins Thema vor allem hinsichtlich einer möglichen russischen Revolution für die Bevölkerungen im damaligen Deutschen Bund gewesen sein mußte, bezeugt Ferdinand Kürnberger, ein Zeitgenosse Bakunins und dessen Mitstreiter an der Dresdner Mairevolution von 1849: »Es war dies jene verstimmte, unbehagliche Epoche, in welcher die Konterrevolution in Wien und Berlin bereits gesiegt hatte, und doch weder das deutsche Volk sich besiegt, noch die Dynastien sich siegend fühlten. [...] Die Hoffnung einer russischen Allianz und die Furcht einer russischen Invasion, das war der eigentlich entscheidende Moment in dem Kampfe zwischen der Revolution und der Reaktion gewesen. Bakunin erkannte mit richtigem Blicke diese moralische Sachlage. Er sah die deutsche Demokratie entmutigt und geschlagen von einem Wahnbilde, er sah die deutsche Reaktion stolzierend und gehoben durch eben dieses Wahnbilde...« In vier dicht formulierten Artikeln entwirft Bakunin eine Zustandsbeschreibung der damaligen russischen Gesellschaft. Prägnant versucht er sich in Kurzanalysen über das Militär, das Volk, den Adel, den Klerus und die Verwaltung. Er enthüllt darin, wie sehr Rußland dafür, das es Napoleon besiegt hatte, in Europa als ein falscher und unpersönlicher Mythos gesehen wurde. Rußland sei keinesfalls der letzte und legitime »Gendarm der europäischen Reaktion« als vielmehr eine Gesellschaft, in der zur Revolution nur der zu zündene Funken fehle. Aber hören wir Bakunin selbst! »Noch hat die Revolution Rußland nicht berührt, bricht sie aber aus, so wird ihr kein Halt zu bieten sein, denn Alles, was sie hindern soll, ist in Fäulniß, und der russische Staatsbankrott näher als die blinden Gläubiger meinen.« Zum Beleg seiner These bzw. zur Entlarvung des falschen Mythos wählt Bakunin einen zutiefst libertären Weg. Mittels Anekdoten, Skizzen und detailgetreuen Beschreibungen tatsächlicher Ereignisse macht er aus »den Russen« Menschen mit Namen und Gesichtern und zeigt sie in ihren Schwächen, Stärken und Sehnsüchten. Er will dadurch belegen, daß »revolutionäre Potentiale« etwas »Allzumenschliches« (Nietzsche) und den Menschen immer Innewohnendes sind und nicht erst, wie Marx und Engels diese verstanden, eine genau definierte ökonomisch-historische Gemengelage zur Voraussetzung haben. Gustav Landauer läßt Bakunins Hoffnung 1911 in folgende Worte münden: »Vom Individuum beginnt alles; und am Individuum liegt alles.« Bakunins Vision von der Selbstbefreiung des Menschen, die er hier an den »russischen Zuständen« und damit an konkreten, lebensweltlichen Ereignissen zeigt, kann auf einer anderen Ebene auch ethisch verstanden bzw. gewendet werden. Bakunin erwartet von allen Individuen, unabhängig von ihrer Klassen- oder Schichtzugehörigkeit, daß sie über das ungerechte, unterdrückte und unterworfene Leben im Dasein – kurzgesagt: das falsche Leben – nachdenken und Rechenschaft ablegen. Die libertäre Konsequenz daraus ist, daß zunächst kein Mensch allein aufgrund seiner bloßen Herkunft schuldig gesprochen werden kann. Schuldig wird ein Mensch im Sinne Bakunins erst dann, wenn sie oder er bewußt jegliche Selbstreflexion unterbindet, um damit privilegiert und auf Kosten und auf den Rücken anderer Menschen zu leben. Das Einzelbewußtsein bildet insofern, durch das Erkennen der wesentlichen bleiernen Repressalien, die erste Voraussetzung für ein Gruppenbewußtsein, das allerdings erst als ein solches die Kraft haben kann, Zustände zu ändern. Die Artikel Russische Zustände dürfen demgemäß nicht allein als eine Aufklärung der damaligen demokratischen Gruppen im nachmärzlichen Deutschen Bund verstanden werden, sie sind gleichzeitig ein moralischer Appell an die russische Gesellschaft, das auf ihr lastende Joch des etatistischen Zarismus in all seinen Erscheinungsformen von sich zu werfen.

Wolfgang Eckhardt, dem Herausgeber der Reihe Michael Bakunin. Ausgewählte Schriften in zwölf Bänden ist es zu verdanken, daß die Russischen Zustände erstmals seit 1849 wieder in deutscher Originalfassung vorliegen. Wie schon bei der Herausgabe der ersten zwei Bände der Ausgewählten Schriften beweist Eckhardt auch hier im dritten Band der Reihe außergewöhnliches historisches Einfühlungsvermögen. Vor allem indem er die Bakunin-Schrift sozusagen umrahmt, einerseits mit Boris Nikolaevskijs Studie aus dem Jahr 1929 Bakunins Ansichten zur Lage in Rußland im Jahre 1849 und andererseits mit dem Porträt von Ferdinand Kürnberger aus dem Jahre 1850 Der Russe Bakunin, gibt Eckhardt der Primärquelle, ohne diese dadurch zu überfrachten, die ihr eigentlich zugehörige Dimension wie Virulenz. Gerade die Nikolaevskij-Studie, die von Bas Moreel sorgfältig und erstmals aus dem Russischen ins Deutsche übertragen wurde, erhellt in lebendiger Weise nicht nur die Rezeptionsgeschichte der Russischen Zustände, sondern auch die damaligen Lebensumstände Bakunins. In einer kurzen aber informativen Einleitung läßt Eckhardt durch eine Kurzbiographie dem der Vergessenheit anheimgefallenen Nikolaevskij die verdiente Anerkennung zuteil werden.

Zum Schluß bleibt nicht mehr als Alexander Herzens bereits kurz nach Erscheinen der Russischen Zustände formulierte Aufforderung zu wiederholen: »Besorgen Sie sich diese Broschüre – sie ist wunderbar!«

Thorsten Znih

 

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