Das Logo der Bibliotek der Freien Engel u. Teufel

Frauen in der Ersten Internationale

Nicht Marxistin und auch nicht Anarchistin.

Antje Schrupp

Antje Schrupp

Ulrike Helmer Verlag, Königstein/Taunus 1999. [ISBN 3-89741-022-2]

Rezensent: Wolfgang Eckhardt

Erschienen in: IWK Berlin, 37. Jg., Heft 1/2001.

Auf den Kongressen sowie in Kommissionen, Ämtern und Debatten der Ersten Internationale spielten Frauen nur am Rande eine Rolle, hält die Autorin Antje Schrupp auf S. 40 ihres Buches fest. An der sozialen Basis der Internationale, auf Sektionsebene, ist jedoch ein starker weiblicher Einfluß nachweisbar, der auf das Engagement einzelner Frauen zurückzuführen ist. Das vorliegende Buch beschreibt die Tätigkeit von vier in der Internationale aktiven Frauen - Virginie Barbet, Elisabeth Dmitrieff [d.i. Elizaveta L. Tomanovskaja], André Léo [d.i. Victorine-Léodile Béra] und Victoria Woodhull - und rekonstruiert deren politische Ideen im Kontext der allgemeinen Debatten in der Internationale.

Die Autorin mußte beim Zugang zu ihrem Thema gleich mehrere Hindernisse aus dem Weg räumen. Da ist zunächst die männlich dominierte Geschichtswissenschaft, die schon von »Seidenspinnern« in einer Industrie berichtet hat, in der [1869 in Lyon] fast ausschließlich Frauen arbeiteten, und Klischees verbreitet, die der Phantasie der Schreiber entspringen und so nicht verifizierbar sind: Die schöne Dmitrieff zum Beispiel, die im März 1871 von London nach Paris fuhr, soll - so die stereotype Darstellung - als Marx' »persönliche Sekretärin« [Samuel Bernstein] und Gesandte am Kampf der Kommune teilgenommen haben: »Die Annahme [dieser Schreiber], Marx habe eine junge und hübsche Frau, ›la séduction même‹, als Spionin in die Pariser Kommune geschickt«, muß allzu verlockend gewesen sein, urteilt Schrupp [S. 129].

Aber auch von Historikerinnen geleistete Forschungsarbeiten, die über einzelne Frauen in der Internationale in verschiedenen Sprachen erschienen sind, erwiesen sich für die Fragestellung der Autorin als nur bedingt brauchbar. Diese verharren nämlich meist, so die Klage von Schrupp, »bei einem freudigen Staunen darüber, daß es auch 'damals' schon Feministinnen gab, die irgendwie so was ähnliches dachten wie Feministinnen heute« [S. 16]. Fast gar nicht beschäftigen sich diese Arbeiten mit dem politischen Denken jener Frauen insgesamt und überhaupt nicht wird registriert, daß sie an einem allgemein-gesellschaftlichen Diskurs teilnahmen, der weit über die Frage der Frauenemanzipation hinausreichte. So haben auch Historikerinnen an der Ausblendung des Anteils von Frauen an der politischen Ideengeschichte Europas mitgewirkt, indem sie diese auf ihr frauenemanzipatorisches Engagement reduzierten.

Als drittes Hindernis beim Studium der Geschichte der Internationale [und des Anteils von Frauen an ihr] erlebte die Autorin schließlich »die Dominanz des marxistischen Blicks auf die Geschichte der Arbeiterbewegung« [S. 18]. In der Tat hält die marxistisch fixierte Historiographie noch heute viele Gehirne gefangen, die die Arbeiterbewegung insgesamt mit ihrer marxistischen Variante verwechseln - angesichts des weiten Spektrums innerhalb der Ersten Internationale und der schmalen Basis der eigentlich marxistischen Richtung ein merkwürdiges Mißverhältnis. Dies erwies sich zumal für das hier behandelte Thema als ärgerlich, denn »gerade für die Mehrzahl der Internationalistinnen scheint ein anarchistisches Gesellschaftskonzept tendenziell attraktiver gewesen zu sein« [S. 19] - wie ja auch für einen Großteil der Internationale insgesamt. Dennoch hielten sich noch bis vor kurzem Historikerinnen und Historiker gleichermaßen in ihren Arbeiten zum Thema mehrheitlich an marxistische Positionen und Aktivisten jener Zeit, wodurch, wie die Autorin korrekt ausführt, Forschungsdefizite entstanden sind.

Trotz dieser Hindernisse ist es der Autorin gelungen, in dem sumpfigen Gelände souverän Tritt zu fassen und eine ungemein interessante Dissertation zu schreiben, die, verlegt vom Ulrike Helmer Verlag, nunmehr gedruckt vorliegt. Die vier Hauptkapitel des Buches sind der Tätigkeit jeweils einer Protagonistin in der Internationale gewidmet, wobei der Zusammenhang mit aktuellen politischen Debatten und Ereignissen in der Internationale exemplarisch herausgearbeitet wird. Virginie Barbet aus Lyon zum Beispiel, die sich selbst als »Kollektivistin« bezeichnete [S. 80], engagierte sich zunächst in der Internationalen Friedens- und Freiheitsliga, zählte dann zu den Gründungsmitgliedern der von Bakunin beeinflußten Lyoner Sektion der »Alliance internationale de la Démocratie Socialiste« und gehörte »zu den maßgeblichen theoretischen Verfechterinnen der Forderung nach der Abschaffung des Erbrechts« [S. 13]. Im Zusammenhang mit der Schilderung von Barbets Engagement in der Alliance rückt Schrupp bestimmte Wesensmerkmale dieser Gruppierung zurecht: Die 1868 von Bakunin mitbegründete Alliance war nicht dessen »Intriguirmaschine«, sondern ein »Zusammenschluß von engagierten Internationalen, denen es darum ging, ein kollektivistisches Gegenmodell zur marxistischen Strategie zu entwerfen« [S. 53]. Gänzlich ignoriert wurde in der historischen Forschung bisher das »dezidiert feministische« Alliance-Programm, »das unter den zeitgenössischen gemischtgeschlechtlichen Organisationen seinesgleichen sucht« [S. 57], sowie »die signifikante Beteiligung von Frauen an ihren Diskussionen« [S. 53]. Die vehemente Erbrechtskritik im Allianceprogramm knüpfte, wie Schrupp nachweist, an eine schon zuvor bestehende frauenemanzipatorische Forderung an, die etwa von den Allianz-Mitgliedern Barbet und Marie Richard bereits Monate vor Gründung der Organisation artikuliert worden war und der späteren Formulierung im Allianceprogramm sehr nahe ist [S. 67]. Das Thema war innerhalb der Alliance auch nach ihrer Gründung keineswegs erledigt, wie die von Schrupp wiederentdeckte Debatte zwischen Barbet und Bakunin zu diesem Thema in der Égalité des Jahres 1869 zeigt.

Dieser Hintergrund und Zusammenhang der Erbrechtskritik der Alliance hat nicht nur die männliche Geschichtswissenschaft bislang nicht interessiert - schon Marx hat seinerzeit »die feministischen Positionen der Allianz bewußt ignoriert« [S. 97]. Die Erbrechtskritik im Allianceprogramm geißelte er als »abgedroschene saint-simonistische Phrase, als deren verantwortlicher Urheber sich der Scharlatan und Ignorant Bakunin ausgab« - eine Marxsche Tirade, die sich gleich als doppelter Fehlschuß entpuppt, da sich der Ansatz der Alliance auch von saint-simonistischen Forderungen in entscheidenden Punkten unterschied [S. 61 f.].

Die Leistungen der Autorin bei der Rekonstruktion verschütteten historischen Materials werden auch durch gewisse Eigenwilligkeiten kaum geschmälert. Ihrer Konzentration auf die untere Ebene der Internationale entspricht zum Beispiel eine gewisse Abschätzigkeit gegenüber »herausragenden Einzelnen« [S. 13]: So rügt sie etwa das taktische Verhalten Bakunins im Rahmen der Alliance [S. 95 f., 98 f.], dessen Bekenntnis zur Frauenemanzipation »keineswegs nur ein Lippenbekenntnis« darstellte, der sich aber dennoch gegen die Zulassung von Frauen [Parteigängerinnen seines Gegners Utins] ins Zentralbüro der Alliance aussprach. Ein ähnlich taktisches Verhalten sowohl von Dmitrieff, die feministisch-egalitäre Anliegen innerhalb der Pariser Kommune hintanstellte [S. 140-142, 177], als auch von André Léo, die bestimmte Fragen »nicht grundsätzlich entscheidet, sondern vom jeweiligen Kontext [...] abhängig macht« [S. 250], stößt dagegen nicht auf die Kritik der Autorin.

Rätselhaft bleibt auch der Titel der Buchfassung - Nicht Marxistin und auch nicht Anarchistin - , da wir doch zum Beispiel in Barbet und André Léo einer Kollektivistin-Anarchistin bzw. Libertären und in Dmitrieff einer Marxistin begegnen. Der Buchtitel suggeriert zudem [ganz entgegen der Intention der Autorin] eine vom Konflikt in der Internationale losgelöste Position der vier dargestellten Frauen - wogegen doch Schrupps Verdienst gerade in der Aufarbeitung des Zusammenhangs vom politischen Denken jener Frauen mit den konkreten Debatten in der Internationale besteht.

Mit letzterem Ansatz gelingt es der Autorin in der Tat, neue Perspektiven auf die vielbeschriebene Geschichte der Internationale zu eröffnen. Es erübrigt sich der Hinweis, daß diese neuen Perspektiven nicht nur für die historische Frauenforschung, sondern für die politische Ideengeschichte und Sozialgeschichte zur Zeit der Ersten Internationale generell relevant sind.

Vorstellung durch A. Schrupp

Rezension von Bea Kunterbunt

[graswurzelrevolution 252, Okt. 2000]

Rezension von Ulla Lessmann

[Freitag 26.11.1999]

Rezension von Marianne Kröger

Sitemap Impressum Kontakt Startseite Seitenanfang