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Rezension von Thorsten Hinz: Hommages.

Gedichte. Karin Kramer Verlag, Berlin 1996.

[ISBN 3-87956-228-8]

Rezensent: Wolfgang Eckhardt

Auszugsweise erschienen in: direkte aktion 117, September/Oktober 1996.

Hommages Hinz

Libertäre Lyrik

Gedichte von Thorsten Hinz / Eine Neuerscheinung

Der im Januar verstorbene russische Lyriker Joseph Brodsky wußte, wovon er redet. In der Sowjetunion war er 1964 wegen »Schmarotzertums« vor Gericht gestellt worden - ein selbsternannter Dichter, der etwas zu sagen hatte, paßte überhaupt nicht ins System des sowjetischen Kasernenkommunismus. Die Richterin fragte ihn: »Brodsky, was ist Ihr Beruf?«

»Ich bin Dichter.«

»Das kann nicht sein, Sie sind nicht Mitglied im sowjetischen Schriftstellerverband.«

»Puschkin und Lermontov waren auch nicht im Schriftstellerverband.«

Er wurde zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt und 1972 zur Ausreise aus der Sowjetunion gezwungen und ausgebürgert; 15 Jahre später erhielt er den Literatur-Nobelpreis. In seiner Dankesrede in Stockholm faßte er Wesen und Aufgabe von Lyrik schließlich in einer klassischen Formel zusammen: Lyrik, so sagte er, sei eine ungeheuere Beschleunigerin des Bewußtseins, des Denkens, der Wahrnehmung der Welt.

Es gibt nicht sehr viel Lyrik, die diese Bezeichnung verdient. Der gerade im Berliner Karin Kramer Verlag erschienene anarchistische Gedichtband »Hommages« von Thorsten Hinz gehört jedoch mit Sicherheit dazu. Wer Gedichte im allgemeinen für eine behaglich-schwülstige Sache hält, ist hier allerdings auf dem Holzweg: Die Lyrik von Thorsten Hinz hat nichts Lauwarmes und Kuscheliges. Sie ist beängstigend ausdrucksstark und visionär.

Gibt es das überhaupt: Anarchistische Gedichte? Die Frage allein offenbart einen fundamentalen Mangel des deutschsprachigen Anarchismus der Gegenwart: das Fehlen eines Milieus libertärer Schriftsteller/-innen. Was für Frankreich etwa eine Selbstverständlichkeit ist, wo die anarchistischen Literaten aus dem libertären Erscheinungsbild des Landes nicht wegzudenken sind, ist für Deutschland noch eine verschüttete Tradition: Neben Mühsam und Mackay finden sich nur vereinzelte Grenzgänger zwischen Dadaismus, Surrealismus und Sozialismus, die hier ins Gewicht fallen. Dagegen konnte zum Beispiel in England vor kurzem eine reichhaltige Anthologie libertärer Lyrik des 20. Jahrhunderts erscheinen [Visions of Poesy. An Anthology of 20th Century Anarchist Poetry. Edited by Clifford Harper, Dennis Gould and Jeff Cloves. Freedom Press, London 1994], die die vielfältigen englischsprachigen Aktivitäten auf diesem Gebiet dokumentiert.

Durch die »Hommages« von Thorsten Hinz sind die mageren Jahre nun auch in Deutschland endlich zu Ende. Was seine Lyrik besonders auszeichnet, ist ihre Ethik, ihre sägende, rüttelnde Perspektive. Am besten sprechen die Gedichte für sich selbst:

Um Begriffe streiten

Wenn andere für eine Krume Brot morden

Um die Meinung bitten

Wenn andere Blut spucken

Um die Gestaltung der Ordnung diskutieren

Wenn auf andere Bomben fallen

Brav

Jawohl

Es scheint gelungen

Die Welt ist unser

Und was werden sie dereinst

über den Zynismus sagen

Festgehalten werden muß dagegen das Andere, die Utopie. Dazu müssen wir der Wirklichkeit nur etwas hinterhersehen:

Ingeborg Bachmann

Sah den Salamander

Durch jedes Feuer gehen

Sah selbst das Feuer

Wir müssen ihr nachsehen

Weshalb kein Wiedersehen

Fragt Euch

Eure Augen

Puppen sehen bis nach Sansibar

Rom und Klagenfurt

Viele Gedichte sind, so wie das vorige, einzelnen Personen gewidmet, etwa Jean Améry, Albert Camus und Gustav Landauer:

Fragt nicht

Wie sie

Gustav Landauer

Ermorden konnten

Sie taten es

Sie würden es wieder tun

1919

Bleibt eine austauschbare Zahl

So wie keine Revolte

Nie

Ausgetauscht werden kann

Nie

Schließlich:

Was wiederholt

Werden muß

Anarchie ist Ordnung

Ohne Herrschaft

Begreift endlich

Befühlt Euch

Berührt Eure Liebsten

Werdet endlich

Menschen

Menschen

Eine Kaufempfehlung erübrigt sich wohl. Wer Augen hat zu lesen, muß diesen Band einfach haben.

Thorsten Hinz: Mystik und Anarchie
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