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Rückblick auf die Veranstaltungen der Bibliothek der Freien im Jahr 2006

1. Dezember 2006

Thomas Wagner: Die Renaissance der Irokesen in der Politischen Theorie

Libertäre Perspektiven auf indigene Selbstverwaltung im 21. Jahrhundert
Thomas Wagner: Die Renaissance der Irokesen in der Politischen Theorie

Im Anschluss an den viel Aufsehen erregenden US-Historikerstreit um den Anteil der Irokesen an der Entstehung und Entwicklung der US-Verfassung versuchen immer mehr AutorInnen den Innovationsbedarf der Politischen Theorie durch Anleihen bei den Irokesen zu stillen. Innovativ sind diese Arbeiten vor allem dann, wenn sie mit Hilfe des indianischen Beispiels die eurozentristische Fabel von der griechischen Urstiftung der Demokratie und der zivilisatorischen überlegenheit der westlichen Welt zu widerlegen verstehen und durch das Studium indianischer Institutionen Ideen für die friedliche Gestaltung einer von indigenen Gemeinschaften und Nationalstaaten gemeinsam bewohnten Welt gewinnen. Zur gleichen Zeit entwickelt eine neue Generation irokesischer Intellektueller und politischer Aktivisten [Warriors] männlichen wie weiblichen Geschlechts aus ihrem kulturellen Erbe eigene Theorien politischer Emanzipation, mit deren Hilfe die Irokesen, allen voran die traditionellen Clan-Mütter und Konföderationshäuptlinge, nach zweihundert Jahren kolonialer Bevormundung offensiver denn je für ihr Recht auf Land und politische Selbstbestimmung kämpfen. Buchvorstellung durch den Autor.

Thomas Wagner: Irokesen und Demokratie. Ein Beitrag zur Soziologie interkultureller Kommunikation. LIT Verlag, 2004, 400 S., 21.90 EUR, ISBN 3-8258-6845-1

10. November 2006

Von der Kritik der Arbeitswelt zur Revolution in Spanien. Simone Weil und der Anarchismus

Vorstellung einer Neuerscheinung
Von der Kritik der Arbeitswelt zur Revolution in Spanien. Simone Weil und der Anarchismus

Mit einer Mischung aus wissenschaftlichen und zeitgenössisch-politischen Texten erinnert dieses Buch an die anarchistische Lebens- und Schaffensphase Simone Weils [1909-1943], jener praxisnahen Philosophin, die lange Zeit nur als Christin rezipiert und gewürdigt wurde. Sie stellte sich den schlimmsten Tragödien des 20. Jahrhunderts [Faschismus, Nationalsozialismus, Stalinismus, Revolution und Bürgerkrieg in Spanien] als gewaltkritische Anarchistin in einzigartiger Weise und entwickelte aus ihren Lebenserfahrungen einen heute noch aktuellen, utopischen Entwurf dessen, was Freiheit im politisch-gesellschaftlichen Bereich sowie in der Arbeitswelt bedeutet. Buchvorstellung vom Übersetzer Lou Marin.

Charles Jacquier [Hg.]: Lebenserfahrung und Geistesarbeit. Simone Weil und der Anarchismus. Mit Texten von Domenico Canciani, Robert Chenavier, Charles Jacquier, Géraldi Leroy, Adriano Marchetti, Louis Mercier-Vega, Anne Roche, Patrice Rolland, Boris Souvarine, Simone Weil. Aus dem Französischen von Lou Marin, Beate Seeger, Silke Makowski. Verlag Graswurzelrevolution, 2006, 384 S., 24,80 Euro, ISBN 3-939045-04-7

1. September 2006

Holger Marcks: »Geschichte wird gemacht«

Über die emanzipatorische Aneignung von Geschichte
Holger Marcks: »Geschichte wird gemacht«

Die Verfügungsgewalt über die Geschichte und die Hegemonie ihrer Lesarten stellen wesentliche Instrumente zur Aufrechterhaltung politischer Systeme dar. Ob nun durch bewusste Manipulation geschichtlicher Fakten zur besseren Machtlegitimation oder durch normative Festschreibungen des herrschenden Konsens - es werden Traditionslinien erfunden, die den status quo historisch sanktionieren und soziale Befriedung garantieren.

Die Durchbrechung des konventionellen Geschichtsbildes und die Verwerfung der »Geschichte von Mächtigen« bedeutet die Aneignung emanzipatorischer Lektionen aus der Geschichte - eine notwendige Bedingung, um Lethargie zu überwinden und Geschichte als »machbar« zu begreifen. Der Vortrag setzt anhand von Beispielen auseinander, welche Mechanismen dem Zweck geschichtsmäßiger Herrschaftslegitimation dienen und weshalb einer »Geschichte von unten« wichtige subversive Potentiale innewohnen [Vortrag und Diskussion]

7. Juli 2006

Anarchie und Geologie

Anarchie und Geologie Anarchie und Geologie
Auf Kropotkins Spuren

Sand, Kies und Ton aus Berlin und Brandenburg. Zement von Rüdersdorf und Marmor aus Carrara. Braunkohle-Abbau in Cottbus. Bio, Wind und Solar statt Atom, Öl und Kohle. Visionen einer öko-libertären Geologie und freiheitlichen Gesellschaft. [Vortrag und Diskussion]

16. Juni 2006

»Eine Gesellschaft nach menschlichem Maß«

Lesung aus »Ökotopia« von Ernest Callenbach [*1928]
»Eine Gesellschaft nach menschlichem Maß«

In seinem 1975 veröffentlichten Zukunftsroman »Ökotopia« setzt der US-Amerikaner Ernest Callenbach dem heutigen Szenario beschädigter zwischenmenschlicher Beziehungen und der zunehmenden Vernichtung der natürlichen Lebensgrundlagen das libertäre Ideal einer Versöhnung der Bedürfnisse von Mensch und Natur entgegen. Für eine ernsthafte Suche nach gesellschaftlichen Alternativen hat das utopische Gemeinwesen der Ökotopianer mit seinen dezentralen politischen Strukturen, einer weitgehenden Selbstverwaltung aller Lebensbereiche, der Abkehr vom ökonomischen Effizienzdenken und protestantischer Arbeitsethik, der konsequenten Eingliederung von Techologie und Architektur in natürliche Kreisläufe auch nach 30 Jahren nichts von seiner Ausstrahlung verloren. »Das Schöne an diesem Buch besteht darin, daß man auf jeder Seite weiß: Es handelt sich um eine Utopie, ein Märchen. Aber eben um eine mögliche Utopie, wie sie, hier und heute, Wirklichkeit werden könnte.« [Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt]. [Lesung und Diskussion]

26. Mai 2006

Thorsten Hinz: Verlorene Kunst, wieder entdeckte Freiheit

- oder von der Suche nach Anarchie wo sie niemand vermutet Zur Ausstellung von Franz Schuck
Verlorene Kunst nach Jacques-Louis David: »Lepeletier« [1793], zerstört um 1827, 200x150, Öl auf Asche, Franz Schuck, 2005
Der Beitrag der Veranstaltung: Thorsten Hinz: Verlorene Kunst, wieder entdeckte Freiheit im Wortlaut

Die Kunst, die Franz Schuck [*1966] malt und zeigt, ist weniger »verloren« als vielmehr wiedergefunden. Schuck hat Bilder neu gemalt, die durch Kriege oder andere Ereignisse zerstört wurden. Anhand von alten Katalogen oder Photographien versucht Schuck die Bilder nahezu authentisch wieder zu erschaffen. Die Öl auf Asche Technik, die er dabei verwendet, zeigt das Moment der Vergänglichkeit, das allem Anfang innewohnt.

In der Ausstellung wird unter anderem die Rekonstruktion des Bildes »Die Ermoderung Lepelletiers« des Malers Jacques-Louis David [1748-1825] gezeigt, der als der berühmteste Maler der Französischen Revolution gilt. Ausgehend von diesem Bild wird Thorsten Hinz bei seiner Eröffnungsrede der Frage nachgehen, weshalb die Anarchie weitaus mehr Freiheitspotentiale in sich trägt als es in dem berühmten Zitat von Michael Bakunin »die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust« allgemein assoziiert wird. Kunst, Anarchie, Zerstörung und Freiheit sind Begriffe, die in der Kunst von Schuck einen Ausdruck suchen, sie sind aber auch Begriffe, die für alle Libertären konstitutiv sind. [Einführungsvortrag zur Ausstellung]

Aktionstage 2006

9. Mai 2006

Die Kommune als libertärer Baustein

Die kommunale Demokratie in der Geschichte von der Antike bis heute - Politik von unten, föderativ, freiheitlich-sozialistisch contra Staats- und Kapitalinteressen - Lokalismus und Interdependenzen. Die Kommunalisierung der Wirtschaft - Von der dualen Macht, ein langer, mühsamer Weg zur sozialen Ökologie. [Vortrag und Diskussion]

12. Mai 2006

Individualanarchismus

Der Ausdruck individualistischer Anarchismus bezeichnet ein im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts entstandenes Konzept einer zukünftigen Gesellschaft, in der die Freiheit jedes Individuums [von äußerem Zwang] den höchsten Wert darstellt und soweit wie möglich gewährleistet sein soll, d.h. nur in dem Maße eingeschränkt ist, das sich daraus ergibt, dass alle Individuen gleichermaßen über diese Freiheit verfügen. [Vortrag und Diskussion]

16. Mai 2006

Krise der Demokratie - libertäre Auswege

Die Politikverdrossenheit geht um. Sie verbreitet sich noch durch die Bemühungen der »politischen Klasse«, staatliche Aufgaben zu reduzieren, womit sie den wachsenden sozialen Herausforderungen immer weniger gerecht wird. Gleichzeitig meinen immer mehr Bürgerinnen und Bürger, dass sie ihre gemeinsamen Angelegenheiten selbst besser regeln können. Diese Selbstorganisation von Interessen findet ihr theoretisches Konzept in der Theorie der Herrschaftslosigkeit, der Sozialphilosophie des Anarchismus. [Vortrag und Diskussion]

18. Mai 2006

Beschwerden mit der parlamentarischen Demokratie

Nicht schlecht, aber auch nicht gut: das notorische Urteil über die parlamentarische Demokratie. Verbesserungen sind jedoch möglich, allerdings nur jenseits der üblichen Ideen von direkter Demokratie. Der Vortrag stellt zwei Ansätze vor: Demarchie, ein weitgefasstes Projekt einer Demokratie ohne Staat, und Bürgergutachten, ein bereits bewährtes Verfahren der demokratischen Willensbildung. [Vortrag und Diskussion]

23. Mai 2006

»Sozialismus ist eine Kulturbewegung« Gustav Landauers »Aufruf zum Sozialismus«

Der deutsch-jüdische Sozialphilosoph und Kulturkritiker Gustav Landauer [1870-1919] zählt zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des deutschsprachigen Anarchismus. Sein politisches Hauptwerk »Aufruf zum Sozialismus« basiert auf einem Vortrag aus dem Jahre 1908, der drei Jahre später erstmals in erweiterter Form publiziert wurde und bis heute zahlreiche Neuauflagen erlebte. [Lesung und Diskussion]

7. April 2006

Barbara Görres Agnoli: Johannes Agnoli. Eine biografische Skizze

Johannes Agnoli
Vorstellung einer Neuerscheinung

Die Assoziation der Freien und Gleichen gehörte zu Johannes Agnolis [1925-2003] »Blütenträumen« [wie Goethe zu sagen pflegte]. Sein Leben, sein politisches und gesellschaftliches Engagement galt sowohl der Analyse der Wirklichkeit, als auch perspektivisch oder sogar utopisch eine andere gesellschaftliche Formation anzustreben. Keiner Doktrin vielmehr dem Satz »De omnibus est dubitandum« [an allem ist zu zweifeln] vertrauend, hielt er den bloßen Zweifel an den Positionen der anderen [der Gegner] für substanzlos. Denn es ginge darum, die eigenen »Hauptquartiere« - und sei es ironisch-selbstkritisch - zu bombardieren. Der kritische Stachel war für ihn Ursprung und Gegenstand des Nachdenkens, ob dies oder jenes überhaupt zutreffend sei. Wenn er auch all dies ganz mit Hilfe seiner Munition, seiner fast legendären Zettelwirtschaft bestritt, so soll er nicht zur Legende werden. [Buchvorstellung durch die Autorin]

3. März 2006

"Abolishing the Borders from Below"

Eine anarchistische Ost-West-Zeitschrift aus Berlin
Abolishing the Borders from Below

»Abolishing the Borders from Below« ist ein Kollektiv, das überwiegend aus in Berlin lebenden anarchistischen MigrantInnen besteht. Das Kollektiv gründete sich im Herbst 2001 aus einer Gruppe osteuropäischer Aktivisten, später kamen Migranten aus anderen Teilen der Welt hinzu.

Das Kollektiv gibt ein gleichnamiges zweimonatiges Magazin heraus. Das Magazin kommentiert und analysiert verschiedenste soziale, politische und kulturelle Ereignisse in Osteuropa aus anarchistischer Perspektive. Der Inhalt wird durch ein relativ stabiles Netzwerk von Korrespondenten in verschiedenen Regionen Osteuropas zusammengestellt. Ihre Beiträge werden durch den in Berlin arbeitenden Teil des Kollektivs ediert und gedruckt. Die Zeitschrift wird durch Distributoren in verschiedensten Regionen der Welt verbreitet und kostenlos an Infoläden in Osteuropa, ebenso wie an Gefangene weltweit verschickt. AbolishingBB arbeitet auf no profit Basis. Die Intention der Zeitschrift ist, eine bessere Kommunikation und Vernetzung zwischen verschiedenen Gruppen und Individuen in Europa und der Welt zu ermöglichen und anzuregen.

Über die Zeitschrift hinaus organisiert das Kollektiv eine Radiosendung, eine hauptsächlich Osteuropa bezogene anarchistische Bibliothek, verschiedene Solidaritätsaktionen, Informationsveranstaltungen und kulturelle Events. Wir kooperieren in unserer Arbeit mit anderen anarchistischen Gruppen, Projekten und Kampagnen überwiegend [aber nicht nur] in Osteuropa, und unterstützen lokale und globale Kämpfe gegen jede Art von Unterdrückung und für eine freie Gesellschaft. [Projektvorstellung und Diskussion]

3. Februar 2006

Gerhard Bauer: Erich Mühsam posthum. Mit vergänglichen Worten dem Tod trotzen

Erich Mühsam [1878-1934]

Mühsam der Rebell, der Clown und Spötter, der Menschenfreund, der Mahner mit seiner eigenen, fast schüchternen Autorität, der Märtyrer, der selbst in den Händen der NS-Schergen seiner Sache treu blieb: Er ist unvergesslich, er lebt bis heute kräftig nach. Wie steht es um den Schriftsteller Mühsam? These: Seine vielen Kampfermutigungslieder sind durchweg erkrampft und gestelzt, devot, nichts als gut gemeint. Haltbar und bis heute klingend sind seine Frechheiten, die persönlichen wie die politischen, beide zumeist gereimt. Skrupel, Selbstwidersprüche, Schwächen, Launen, selbst Kindereien und Kalauer scheinen derzeit überzeugender als Gewissheiten woher auch immer. Die Haltbarkeit gerade des Vergänglichen gibt zu denken. [Vortrag und Diskussion]

13. Januar 2006

»Die Badewanne« Ein surrealistisches Künstlerkabarett der frühen Nachkriegszeit

Ein surrealistisches Künstlerkabarett der frühen Nachkriegszeit

Gab es einen deutschen Surrealismus? In der surreal anmutenden Trümmerlandschaft Berlins, unmittelbar nach der sogenannten Stunde Null 1949-1950 gab es ihn. Beschworen wurde er von einer überschaubaren Gruppe unentwegter Dichter wie Johannes Hübner und Lothar Klünner sowie unterschiedlicher bildender Künstler wie u.a.: Heinz Trökes, Alexander Camaro, Wolfgang Frankenstein und Werner Heldt, um nur einige zu nennen. Ihr Forum war ein Künstlerkabarett mit dem schönen Namen »Badewanne«. In diesem lebte die Grundidee der künstlerischen Avantgarde seit dem Cabaret Voltaire wieder auf, die man die Idee eines Gesamtkunstwerks als Varieté nennen könnte. Mit ihren frappierenden Darbietungen verwirrten und begeisterten sie das kulturell ausgehungerte Nachkriegspublikum gleichermaßen. Sie proklamierten in der Vier-Sektoren-Stadt ihre Zone 5 der Freiheit und der Kunst und knüpften so an die durch die Nazizeit gekappten Verbindungen zur internationalen Avantgardekunst wieder an. Diese verbanden sie mit den damals aktuellsten Bestrebungen der Künstler und Intellektuellen wie z.B. dem Existentialismus. Dieser Ort des freien Denkens, der durchdrungen war von einem subversiven Geist, der gegen ein Erstarken alter und neuer Autoritarismen gleichermaßen den Stachel löckte, fand dann in den Jahren nach der Währungsreform und der Restauration der Adenauerzeit ein jähes Ende. [Vortrag und Diskussion]

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